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"Spieglein, Spieglein an der Wand..." Der Spiegel als Mittel der Selbsterkenntnis - na, und des Selbstbetruges natürlich. Ist nicht zuletzt der größte Spiegel, in den jeder Mensch schaut, er selbst. Darin entdeckt er nicht allein sein Ich, die ganze Welt besieht sich in ihm, schillernd, bunt, unfaßbar, verzerrt und verzogen. Man erinnere sich hier an jene merkwürdigen Neuronen, von der Wissenschaft, durch unzählige Okulare guckend und Um- und Abwege nehmend, ent- deckt von all dem Menschenbild und den festen Begriffen zur Lebensmechanik. Sie sitzen überall in uns, in jedem, und geben in zeitlich minimal getakteten Reflexen das Außen in uns wieder. Da sind im Vergleich selbst intergalaktische Raumfahrtfernrohre und High- Tech- Linsen, um den Mikrokosmos scharf ins Auge zu fassen, nichts weiter als dekorative Lorgnons. Doch weil alles, was lebt, in Symmetrien kommuniziert, wirft es das Echo immer auch zurück, gebeugt, verbogen, in neuen Schwingungen, anderer Gestalt, auch um sich von sich zu distanzieren und im Überblick zu haben. Reflektieren, das Nach- Denken über Empfangenes, Wahrgenommenes.
Diese Rubrik soll ein kleines Kaleidoskop dessen sein, was mir in meiner Arbeit begegnet.

Mittwoch, 9. Februar 2011 - Tahrir-Platz oder Die konkrete Vorstellung von Freiheit

"Innerhalb eines Systems sind Politik, der Glaube an sie und das Bekenntnis dieses Glaubens identisch. Man braucht diesen Glauben nur zu bekennen, ob man ihn wirklich glaubt, ist nebensächlich. Darum der unerträgliche Zynismus jener, die diese Systeme regieren, und leider immer mehr auch jener, die von ihnen regiert werden. Ein solches System existiert daher nicht kraft eines Glaubens oder kraft einer Philosophie. Seinen Inhalt, der einmal die Hoffnung war, er könnte zur Ordnung einer neuen Welt werden, hat es ausgestoßen, auch wenn darin einmal seine Revolution und seine Sprengkraft lag."

Dies schrieb Dürrenmatt in "Labyrinth" anläßlich seiner Teilnahme an einem Schriftstellerkongreß in der Sowjetunion. Daß er diese Aussage generell und nicht allein auf die UdSSR gemünzt formuliert hat, kam nicht von ungefähr. Sie gilt damals wie heute, auch für die BRD des Jahres 2011. Und sie beschreibt einen der Gründe, weshalb wir hier im Westen der ägyptischen Bewegung mit Vorbehalt begegnen. Nämlich wegen eben ihrem Grund und ihrem Ziel: die Sehnsucht nach Demokratie, nach Freiheit, nach einer die Regeln des Rechtsstaates befolgenden Regierung.
Ob Prager Frühling oder Aufstand der DDR-Bürger 1989, wir brachten ihnen Sympathie und Verständnis entgegen. Sympathie, weil wir verstanden, worum es ging, und Brücken geschlagen hatten zu den Oppositionellen auf der anderen Seite des Eisernen Vorhanges. Wir vestanden es, weil sich jene Bewegung gegen das Andere, gegen unseren erklärten Kontrahenten wandte. Es lag aber auch daran, daß gerade die Existenz eines Kontrahenten, eines Antipoden unsere Staaten disziplinierte. Wir wahrten unser schönes Gesicht. Wir hegten und pflegten unsere kostbaren, vom Freind bedrohten Güter wie Rede- und Pressefreiheit, Briefgeheimnis, Freizügigkeit, körperliche Unversehrtheit, den Rechtsstaat, den freien Markt. Die Belohnung dafür waren Bananen und Orangen, ein neues Auto, ein schönes Haus. Wir zeigten sie stolz als Beweise für die Richtigkeit unseres Systems herum. Die 1980er waren ein freundliches Jahrzehnt und ach, was waren wir schön, vom Staat selbst geachtete Bürger.
Inzwischen ist viel passiert: der mächtigste Mann der Welt zeigte sich mit Plastikputen, Staatsoberhäupter stritten sich um die Existenz von Toupets und wir lernten: 1+1=0,6753371. Biometrische Pässe, Volkszählungen, Identifikationsnummern, das alles juckt uns nicht mehr. Ach, was sind wir doch für duldsame, vom Staat verachtete Bürger.
Und wir halten mit in der Verachtung. Wir verachten die Politiker und Manager für ihre dummdreisten Lügen, wir verachten uns selbst dafür, daß wir uns so dummdreist belügen lassen. Das ist Demokratie seit 1989. Dann schütteln wir die Köpfe und sagen: "Wir haben doch gar keine Demokratie" - klingt jenem ganz ähnlich, was man über den Kommunismus sagte. Mehr noch: "Demokratie", "Menschrechte", "Freiheit" waren Worte, die man für den Krieg benutzte. Da schütteln wir nicht einmal den Kopf, sagen nur: "Das war doch wegen dem Öl."
Resignation - "die machen doch eh, was sie wollen" - Vertrauensverlust und Verlust einer gesichterten gemeinsamen Wirklichkeit - "die lügen alle" - und Zynismus - "das bringt doch nichts, die sind alle korrupt, und ich, ich würd's genauso machen".
Ich denke, das ist das schlimmste Verbrechen, das Merkel, Schröder & Co. (gerade Frau Merkel hat eine wahre Meisterschaft in der Disziplin Opportunismus erlangt) an uns verbrochen haben: die Schändung von Begriffen und Werten, die zwar vage, aber existentiell sind für ein Staatswesen wie das unsere. Aber was soll's, in unserem Fall geht es nur um unsere Würde und um Geld. Auf dem Tahrir-Platz hingegen bedeutet Freiheit auch Freiheit von Gefahr an Leib und Leben.
1989 hatten wir eine relativ konkrete Vorstellung davon, was Unfreiheit bedeutet. Und wir hatten eine relativ konkrete Vorstellung dessen, was Freiheit ist. Wir wußten genau, was Menschenrechte sind, und kein Politiker hätte sich getraut, öffentlich über Folter als legitime Ermittlungsmethode des Staates nachzudenken. Wenn er überhaupt auf die Idee gekommen wäre.
Inzwischen ist irgendetwas passiert. Jene konkreten Vorstellungen sind uns irgendwie abhanden gekommen. Irgendetwas hat sich in unseren Köpfen verrenkt, so daß wir ohne größere Emotionen derartige Überlegungen wie selbstverständlich hinnehmen. Lehrer lieben es über das Burnout-Syndrom zu klagen, während anderswo Lehrer voller Idealismus und Beharrlichkeit vor Hunger fast ohnmächtigen Kindern das Einmaleins beibringen, abends Taxi fahren, weil das Gehalt nicht ausreicht, an politischen Veranstaltungen teilnehmen, selbst Kinder in die Welt setzen. So in Namibia, in Tunesien, Ägypten, in Irgendwo. Nur nicht hier.
Konkrete Vorstellungen, was ein vager Begriff in einer konkreten Situation bedeuten kann, ist ein Prozeß, muß immer aktualisiert werden. Dies ist die Aufgabe von Journalisten, Politikern, Künstlern, Intellektuellen usw. Stattdessen finden wir hierzulande Worthülsen - oder Patronenhülsen am Boden, der Schuß ging anderswohin. Reste kleiner Scharmützel zwischen FDP und Grünen oder einer widerwärtigen Gesprächsrunde im Fernsehen.
Und jetzt reiben wir uns alle ungläubig die Augen - bei den Philosophen wird es noch etwas länger dauern - , weil ein paar Leute, Bewohner jenes Irgendwo, plötzlich diese vagen Begriffe ganz konkret verwenden und es auch so meinen: Freiheit! Rechte! Mitbestimmung! - Entschuldigung, was meinen die damit? Etwa unsere demokratische Farce? Haben die nocht nicht verstanden, daß das nur symbolisch gemeint ist? - Nein, meine Damen und Herren, das haben sie nicht.
Mehr noch: Sie fühlen sich diesen Begriffen derart verpflichtet, daß sie dafür ganz Konkretes einsetzen, nämlich alles, was sie haben: ihre Gegenwart, ihre Körper, ihr Leben. Sie sagen: Es gibt keinen Ausweg mehr, kein Zurück. Sie wissen, was ihnen blüht, wenn sie scheitern, wird so schlimm sein, daß alles bisherige einem idyllischen Beisammensein gleichkommt - und ich habe noch keinen sich in China sonst so mutig für die Menschenrechte aussprechenden Politiker gehört, ägyptische oder tunesische Oppositionelle fänden hier im Notfall Asyl! Wo sind jetzt die tränenreichen Solidaritätsbekundungen wie jene nach dem 11. September 2001? Nirgendwo. Freiheit? Rechte? Demokratie? Ich bitte Sie.
In Jordanien skandieren die Leute auf einer von zwei Lehrern organisierten Demonstration: "Schöne Grüße an die Ägypter aus Amman!", wissend, was sie damit in Kauf nehmen. Wohlhabende Ägypter helfen armen mit Nahrungsmitteln aus. Firmeninhaber unterstützen die Demonstrationen mit Spenden. Berühmte, von der Polizei gesuchte Blogger des Landes lüften ihre Identität, um Solidarität zu bekunden und die Brücken hinter sich zu sprengen. Alles Handlungen Einzelner. Nicht von Massen wie sie meistens auf den Bildern in unseren Medien zu sehen sind. Einzelne wurden gefoltert und getötet - schauen Sie sich einmal die Bilder im Internet an. Einzelne haben Gründe und Argumente - hören Sie zu. Einer komponiert ein Lied, das auf dem Tahrir-Platz gesungen wird. Einer baut eine Teufelspuppe mit Mubarak-Zügen und verkleidet sich selbst ebenfalls als Teufel. Einer mit Mullverband auf dem Auge und um die Stirn legt sich inmitten der Menge auf den Boden, bettet den Kopf auf einem Haufen Pflastersteinen und hält sich immer wieder einen vors Gesicht - als kleine demonstrierende, dramatische Szene. Einer schreibt auf ein Schild: "Geh endlich, Mubarak, mir tut schon der Arm weh!", wobei er auf dem Asphalt hockt und das Schild aufgesetzt hat. Einer schreibt: "Hau ab, Mubarak, ich will heim zu meiner Frau!" Einer schreibt: "Schweizer Banken, gebt uns unser Geld zurück."
Das ist es noch, was ihnen bleibt: Humor. Er ähnelt erstaunlich jenem, der früher, ganz früher den Charakter unseres Faschings prägte und den Hitler so gar nicht mochte. Das gleiche Lachen. Das Lachen aus Verzweiflung, aus Resignation, aus Schmerz. Das Lachen des letzten Hemdes.
Ein letztes: Eine Frau ist eigens vom Land in die Stadt gekommen. Sie hat ihre Kinder mitgebracht. Sie campieren auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Die Frau ist verschleiert. Sie spricht in die Kamera: "Ich mußte kommen. Es ist so wunderbar. Es ist, als würde man nach langer Zeit wieder frische Luft atmen. Ein neues Land. Ein neues Leben." Gott sei Dank!, ist sie vermummt.
Die Freiheit. Das Recht. Die Demokratie. Ach, so war das.
Oder: "We will never be silenced."

Dienstag, 25. Januar 2011 - Kinderverse oder: Konstanten und Variable

Für das 4. Internationale Erzählfestival, Bergisches Land, erhielt ich den Auftrag, die Odyssee für Grundschüler der 1. und 2. Klasse zu erzählen. Ein so junges Publikum als Adressat ist Neuland für mich. So machte ich mich auf und holte mir Literatur über Kinderliteratur. In einem Artikel war nun folgendes zu lesen: Der Kindervers wird von ein paar wenigen ästhetischen Regeln bzw. stilistischen Elementen gestaltet, z.B. monotone Metren und Rhythmen, Reim, Parallelismus (identischer Aufbau zweier Sätze). Das Prinzip der Wiederholung, die Konstante ist demnach wichtig. Der Text erhält derart einen massiven und artifiziellen Charakter - klar unterscheidbar von der komplexen, wandelbaren und in ihrer Regelhaftigkeit schwer erkennbaren Alltagssprache. Kurz gesagt: Die Kunstsprache folgt wenigen Regeln, die während der gesamten Erzählung gelten, die Alltagssprache hingegen bedient sich hunderterlei wechselnder Regeln.
Und mehr noch: Die ästhetische Regel des Kinderverses entwickelt sich sozusagen unter den Augen des Kindes im Entwickeln des Textes! Sie steht dem Kind auf diese Weise ganz und gar zur Verfügung, es erhält uneingeschränkten Zugriff auf einen Teil der sonst so konfusen, komplexen Sprache. Dem Kind eröffnet sich durch die überstrukturierte Kunstsprache eine lustvolle, faszinierende Möglichkeit, sich der Welt und der Sprache zu bemächtigen! Lust und Faszination durch die Klarheit, in welcher sich Sprache und Welt zeigen, und durch die plötzliche Entlastung vom Druck, den Sprache und Welt auf das Kind ausüben. Denn schließlich muß es sich beide aneignen, sie sortieren, strukturieren, mit ihnen umgehen, in und mit ihnen leben.
An die Komplexität von Sprache und Welt tastet sich das Kind über die Variation der einmal entwickelten Regel und ihre Verknüpfung mit neuen. Am Ende wird diese vielleicht sogar aufgehoben, gebrochen, verworfen. Das macht nichts, ganz im Gegenteil: Regeln sind zum Brechen da!
Meiner Mutter und ihren Mitstudenten sagten die Dozenten an der Kunstakademie, sie müßten, sobald sie das Institut verließen, alles vergessen, was sie gelernt hätten, um Maler zu werden - sie müßten selbst gehen lernen. Mit "vergessen" war nicht gemeint, in der Bildenden Kunst herrschten keine Regeln. Es meinte vielmehr, daß sie in den Untergrund verschwinden müßten, daß der emanzipierte Maler sich ihrer bedient, nicht ihnen dient, sonst bleibt er Kopist und Erfüller. Zuvor allerdings mußten die Eleven sie erst aufs intimste kennenlernen und ganz konservativ nach Vorlage zeichnen, bis ihnen die Hand abfiel, große Meister kopieren in Farbgebung, Bildaufbau usw., sich ihrer bemächtigen!
Immer habe ich mich über die Aussage einiger Zeitgenossen verwundert, die Welt sei komplexer geworden, und mich dagegen verwehrt: "Die haben ja nie am eigenen Leib gespürt, wie komplex das Leben sein kann, wenn man ohne Wasser- und Stromversorgung, ohne Heizung und Motorisierung und erst recht ohne das hochdifferenzierte Spezialistentum unserer Zeit auch nur ein einziges Mahl bereitet, Felder bestellt, Mehl mahlt, Schuhe schustert und trotzdem (!) Lieder, Geschichten, Tänze, einen arbeitserleichternden Mechanismus, ein neues Rezept, einen Einfall entwickelt... all das, was man heute so schmusig Volkskultur nennt und aus dem Euripides, Shakespeare, Mozart ihre großen Geister gespeist haben. Und bei all dem noch lieben, hassen, schwärmen, leiden, töten, intrigieren, krank sein, Kinder kriegen, Freude bereiten, prügeln, wollen - Jessas! Und wenn man sich, privilegierte Klasse hin oder her, die Komplexität von den Werken Mozarts oder Konfuzius' Gedankengängen anschaut, dann wird offensichtlich: Obiges kann nicht stimmen."
Mit jener Überlegung über die Stilistik des Kinderverses kam mir heute folgender Gedanke:
Vielleicht empfinden wir unsere Hilflosigkeit angesichts der Komplexität (in der Philosophie spricht man hier von Kontingenz) derart, weil wir Regeln tendentiell verleugnen. Um bei einigen simplen Beispielen aus der Lehre zu bleiben: An den deutschen Kunstakademien wurde Zeichnen als Pflichtfach gestrichen, sie dürfen gleich abstrakt malen. Auswendiglernen ist an Schulen verpönt, ebenso das Diktat, die Schüler sollen selbst aus Texten die wesentlichen Inhalte filtern und einander die gewonnenen Erkenntnisse vermitteln, und der Lehrer ist unser Freund. Da kann man kaum anders reagieren als hysterisch, wie es früher hieß, oder hyperaktiv, wie man heute sagt. Einfacher: verwirrt, panisch, blockiert. Denn so ergeht es nicht allein den Kindern, uns Erwachsenen ebenfalls. Die Welt dreht sich um uns herum in rasendem Schwindel, zu viele Gedanken, zu viel Wollen, zu viel Handeln, zu viel Wissen zur gleichen Zeit, sofort.
Ich habe das Glück von den Resten unserer über Jahrhunderte entwickelten Lehre geschult zu werden. Im vergleichenden Rückblick zeichnet sie sich in folgenden Punkten aus: die Ruhe und das Vertrauen in die Form - und damit in mich. Der Zugriff des Lehrpersonals auf meine Person als Schüler war nicht so stark wie heute, denn es wollte mich nicht erziehen. Ich sollte "nur" Vokabeln lernen oder die Grammatik, die mathematische Regel (über das handwerkliche Lernen erwarb ich, wie nebenher, bestimmte persönliche Qualifikationen, wie Konzentrationsfähigkeit, Sorgfalt, Teamgeist etc.). Latein, Mathematik, Erdkunde wurden in kleine Häppchen formalisiert - sozusagen in Kinderreime. Daß viele dieser "Kinderreime" falsch waren, wie sich später an der Universität herausstellte, tat nichts zur Sache. Denn sie lieferten mir, was in dem Alter wichtiger ist: einen Ausgangspunkt, ein Gitternetz, um der Welt, der Sprache, mir selbst zu begegnen, um gehen zu lernen.
Die Universität (die alte, vor Bologna) versetzte mir, uns allen dann den Schock: Sie lieferte uns wohlbehütete 20-jährige der schrecklichen Kontingenz, der erschreckenden, wunderbaren Relativität der Welt aus. Sie setzte uns aus auf dem offenen, unendlichen Meer des Wissens, Nichtswissens, Ahnens, Spekulierens, der Sprache und sagte: "Und jetzt lerne schwimmen! Lerne spielen!" Ins kalte Wasser geworfen spekulierten, dachten, sagten wir wild drauf los. Wir wurden von Almamater abgemahnt: "Vorsichtig! Wer alles denkt, denkt nichts!" Und nun begannen wir die alten Kinderreime aufzusagen, aus welchen mit der Zeit und nach vielem Denken, Bedenken, Verwerfen, Erproben kleine Texte wuchsen, größere und noch größere.
Die Lehre aus der alten Lehre lautet: Sie besaß den Mut und die Klugheit, anderes auszuschließen, um sich auf das Eine zu konzentrieren, wissend, daß das Kind über das ästhetische Spiel von Konstante und Variable zu einer Erzählung gelangen würde, die das Andere einschließt. Daß das Kind in diesem von Regeln stabilisierten Programm wachsen würde mit seiner Sprache, mit seiner Welt und es sich, mit dem erworbenen Instrumentarium ausgestattet und von ihm ermächtigt, zu einem gegebenen Zeitpunkt emanzipieren würde. Vertrauen in die Form, Vertrauen in die Zeit, Vertrauen in den Menschen - Schritt für Schritt. "Himpelchen und Pimpelchen stiegen auf einen Berg..."

Montag, 18. Oktober 2010

Alexander Granach, wem ist er heute noch ein Begriff? Wohl den wenigsten - noch so ein von der Großen Zeitenwende, der Weltumwälzung Verschlungener. Alexander Granach gehörte zu den hervorragendsten Schauspielern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein wilder Typ, leidenschaftlich, klug, draufgängerisch, offen, voller Liebe.
In seiner Autobiografie "Da geht ein Mensch" beschreibt er, wie er als Jugendlicher das Theater kennenlernte: Welch eine Wirklichkeit! Wirklicher noch als die Wirklichkeit! Wir kleinen Leute leben von Tag zu Tag und immer ist er mehr oder weniger gleich und das über Generationen, in jener Welt aber können innerhalb dreier kurzer Stunden gute Menschen schlecht, schlechte Menschen gut und ein ganzes Leben erzählt werden, mehrere Leben.
Ja, wie klug, wie klarsichtig.
Die Raffung, die Intensivierung, die Destillation.
Das täglich gelebte Leben ist eine komplexe Veranstaltung. Wir hören Vogelgezwitscher, Verkehrslärm, Telefongeklingel, das Rumoren von Gedärm und Gedanken - alles gleichzeitig. Wir sehen das ungespülte Geschirr, die Blume in der Vase, den geliebten Menschen und die Aufgaben des Tages - alles gleichzeitig. Alles verschwimmt, fließt ineinander, verwäscht sich - das Rot, das Blau, das Süße, das Sanfte, der Ton. Das Routinerad, die kreisenden Tage erzeugen in uns einen Schwindel, den wir uns als Kinder jauchzend suchten, der uns Erwachsenen aber den Saft abdreht: Der hysterische Drehwurm in Grau. Man verliert sich in seiner Gegenwart, die sich erstreckt wie eine Ebene ohne Horizont, die Kompaßnadel findet den Norden nicht mehr - wo bin ich, was bin ich, bin das ich?
Nun gibt es diese Handvoll Menschen, die sich neben jenem, was sie mit allen teilen - nämlich Wäsche waschen, bügeln, putzen, krank sein, Steuererklärung und sich irgendwie in Form halten - , mit noch anderem beschäftigen: Sie schauen sich das Drehwurmgrau ganz genau an, ruhig, lassen sich nicht irre machen, wie Kinder. Hin und wieder strecken sie eine Hand aus und holen aus dem Gespinst ein Rot - ein Blau - ein Süßes - ein Sanftes - einen Ton, halten sie uns hin. Und nun verwandelt sich die horizontlose Ebene in das, was sie immer war: eine reiche, dicht bevölkerte Landschaft bunten Lebens und dicht verzweigter Wege, eine runde, sich drehende Welt. Ich verwandle mich in mich.

Donnerstag, 8. Juli 2010

Als die Deutschen vor ein paar Jahren damit begannen, zur Fußballweltmeisterschaft die Fahnen herauszuziehen, verursachte mir dies, wie gewiß vielen Leuten, unangenehme Gefühle und Gedanken. Dies ist nach wievor der Fall beim Anblick eines Privathauses mit gehißter Flagge, ob bayerische, bundesdeutsche, russische oder kanadische. Was genau erklären sie damit? Das Haus stehe in Bayern, in Deutschland gar? Oder daß der Bewohner einen schönen Urlaub in Kanada verbracht hat, vielleicht lieber dort wäre, von einem Leben dort träumt? Na ja.
Zu Fußballmeisterschaften hingegen haben die Menschen den Nationalfarben eine andere Note gegeben. Da sieht man einen Mann in Badehose mit schwarzem Kopf und schwarzen Schultern, mit rotem Torso und gelben Beinen; ein anderer hat sich das Gesicht mit der Trikolore bemalt; eine unbrauchbare Brille mit einem Gitter statt Gläsern; Ohrringe und Haarreife; Plastikblumenkränze um Hälse, Handgelenke, Hüften; schwarze Plastikfransen auf rotem Schutzhelm und gelbes T-Shirt; eine auf den Kopf gestülpte Tüte; ein junges, hübsches Mädchen mit einem Gesteck im Haar à la Biene Maja; ein kleiner Mann mit kurzen Beinen und großem, sehr großem Cowboyhut; und natürlich die Fahnen, schlampig, rutschend, sich verhakend, getragen wie die Schleppe eines abgehalfterten Centurio... Dies alles in Schwarzrotgold. Phantastisch, verspielt, ironisch, als feierten sie Fasching.
Wirklich sind hier viele Elemente des Karnevalesken zu finden: das Verkehrte, das Entfremdete, das Überdimensionierte, das Mimische und das Spiel mit starken Gefühlen. Bleiben wir bei den Nationalfarben: Ihrer Bestimmung nach gehören sie in die Sphäre des Heiligen. Ihre Verwendung ist hochritualisiert. Sie erscheinen im Zusammenhang mit Tod, mit Leben, mit dem Auftreten der Macht. Sie gebieten Unterwerfung (diese Worte mögen in manchen republikanischen Ohren unangemessen klingen, aber denken Sie einmal an die Strafen, die auf Entweihung einer Fahne stehen, an die Flaggen auf Halbmast, die militärischen und politischen Zeremonien, an das Signal und seine Wirkung, wenn an der Fassade einer Institution die Fahnen wehen, und dann denken Sie an das Verhalten, das Ihnen von diesem Signal in den verschiedenen Situationen abverlangt wird). Zur Welt- oder Europameisterschaften, die durchaus mit großen, heiligen Gefühlen spielen, werden die Nationalfarben der Gehorsam heischenden Sphäre entnommen und in eine neue überführt: in die Sphäre des freien Spieles. Ihre Funktion wird konterkariert. Alles Unangenehme - das ihm in Deutschland bekanntlich besonders anhaftet - , alles Unterwerfende wird abgestreift, man befreit sich davon, indem andere, widerlaufende ästhetische Regeln angewandt werden: das Verkehren, das Umstülpen, das Entfremden, Vergrößern oder Verkleinern, kurz, das Groteske. Das Übergeordnete, die Macht wird ihres Signals enteignet, der Einzelne eignet es sich an, bemächtigt und bedient sich seiner. Denn: erst, wenn man sich auf die Seite von Schwarzrotgold, oder natürlich der gegnerischen Mannschaft und ihrer Farben, stellt, darf man selbst mitspielen, miteifern, mitlachen, mitleiden, mitschimpfen. Dies kann erst geschehen, sobald der ganze militärische, staatliche, der behindernde moralisch ernste Ballast abgeworfen wurde. Vergleichbar dem Narrengericht zu Fasching wird mit Hilfe eines staatlichen Signals signalisiert: Für heute, für jetzt gilt kein Staat.

Vor vier Jahren noch geschah es, daß beim Erklingen der Nationalhymne vor Spielbeginn das Publikum vor den Bildschirmen aufstand, Hand aufs Herz als seien sie Amerikaner, und mitsang. Ein Regelbruch an den ästehtischen Regeln des Grotesken oder ein Mißgriff, den ich heuer, Gott sei Dank, nicht mehr gesehen habe - man hat gelernt.
Ich nehme an, die Karnevalisierung der Nationalsymbole ist eine Reaktion auf den starken patriotischen Druck, der eben durch ihre Anwendung während der internationalen Fußballmeisterschaften entsteht. Ergibt man sich ihm, muß man nachtragend sein, ernsthaft die andere Nation als solche hassen, muß unsagbar stolz auf die eigene werden als herrsche Krieg.
Die Regeln des Karnevals sehen ein starkes Aufschaukeln, Aufschwingen der Gefühle vor - das Lachen, das Weinen, das Mitleiden, die Schelte, die Schadenfreude, das Fieber, die Angst, die Erleichterung etc. - , eine Intensivierung der Sinne und der Beobachtung und gleichzeitig - auch hier greifen wieder die Rituale - eine Balancierung derselben, ein Innehalten kurz vor dem Umkippen ins Zerstörerische und Davongetragenwerden. Daß diese feine Grenze manchmal überschritten wird, liegt in der Natur der Sache, gehört als Gefahr dazu. Denn erstens, wir kennen dieses Paradoxon aus unserer Kindheit, wohnen doch nur tödlich ernst gespielten Spielen die Faszination des Spieles und seine Leichtigkeit inne, zweitens werden hier Grenzen, inner- wie zwischenmenschliche Bereiche ausgelotet.
Der Karneval aber schaukelt die Gefühle auf eine bestimmte Weise auf, nicht zu vergleichen mit politischer Propaganda oder Animationsprogrammen in All-inclusive-Hotels. Ein Wesentliches in seinem Geheimnis ist das Mimische, das Sotunalsob, wobei man, während man darstellt, das Dargestellte auch tatsächlich ist (Parallelen zwischen Fußball und Theater sind schon oft, manchmal an den Haaren, manchmal an Armen und Beinen herbei-, gezogen worden). Man verkleidet sich, verfremdet sich und streift dadurch seine Alltagsidentität mitsamt ihren Forderungen, Regeln, Verpflichtungen, auch Rechten ab. Nun dürfen Dinge getan werden, die sonst nicht angemessen wären. Es ist also keine Frage des Dürfens, sondern der Angemessenheit. Einem Angestellten in gehobener Position zum Beispiel wird im täglichen Leben ein gewisses Benehmen abverlangt, bestimmt von Selbstbeherrschung und Disziplin. Würde er innert 10 Minuten von Lachen ins Weinen kippen, erbosen, verzweifeln, schimpfen, anfeuern, vor Angst zittern, nehme nicht nur sein professioneller Namen Schaden, er wäre schlicht beruflich erledigt. Sehr wohl ist ihm dies alles im Rahmen einer Fußballweltmeisterschaft gestattet.
Umgekehrt streift man nach dem Ende des Spieles mitsamt den karnevalesken Accessoires alles damit Verbundene ab, das Feuer für die eigene Nation, die feindliche Einstellung zur gegnerischen, die Niederlage wie den Sieg, was gesagt wurde, gilt nicht mehr, was getan wurde, auch nicht. Ein Quell ewiger Jugend und Jungfräulichkeit, ein Zaubertrick - den übrigens der Staat, das Militär, die Kirche, das Unternehmen nicht beherrschen und auch nicht beherrschen wollen. Hier gelten ganz andere Regeln. Hier geht es um permanente Anbindung, Kontrolle, Identität, d.h. Identifizierbarkeit. Ihre Existenz hängt ganz entscheidend von ihrer Kontinuität, von der Möglichkeit des Zugriffs, von der Durchsetzung ihrer Gesetze ab. Und gerade drum, um diese Regeln, die an Schwarzrotgold assoziiert sind, außer Kraft zu setzen, werden sie ad absurdum geführt als nutzlose Brille, als schwarz befiedeter roter Schutzhelm und gelbes T-Shirt, als verrutschter Umhang. Und vielleicht gibt es da einen regelhaften Zusammenhang, daß man sich durch die ästhetischen Regeln des Grotesken dessen entledigt, was einen starken, gar zu starken Druck ausübt - vor tausend Jahren Elemente der Kirche und der Stadtregierungen im Karneval, heute des Nationalstaates beim Fußball - und stellen somit vielleicht ein Symptom der jeweiligen Zeit dar, anhand derer die Quelle des übergroßen Druckes auf uns und unser Leben identifiziert werden kann.